Irkutsk war nur eine Zwischenstation – hier wollten wir nur landen, um zum Baikalsee zu gelangen. Es gibt mehrere Optionen, was man am Baikalsee machen kann. Wir entschieden uns für die Insel Olchon (das ch wie in machen) – die größte Insel im Baikalsee. Im Winter fährt man mit dem Auto übers Eis, im Sommer ist eine Fähre eingerichtet. Wir fuhren 4 Stunden mit einem vollen Minibus über holprige Straßen und Schotterpisten, bis wir zur Fähre kamen. Die Insel ist viel näher wie ich dachte, doch die Vegetation lässt zu wünschen übrig.

Danach ging es noch ein halbe Stunde über Schotterpisten und wir waren da. Die Enttäuschung war groß, als uns ein altes Mütterchen das Tor öffnete – sie versteht natürlich kein Englisch. Wie wir dann mitbekamen, war sie auch nicht unsere Gastgeberin Olga, die erst am Abend wiederkommen sollte. Aber auch Olga sprach kein Wort Englisch. Aber Englisch ist auch Olchon nicht notwendig – außer ein paar Exkursionen, die vom Nikitas angeboten werden, kann man hier nichts groß machen. Aber wir waren froh, dass wir hier untergekommen waren, das Nikitas gleicht mehr einer russischen Version von Disneyland.

Eine Alternative wäre ja noch, sich Fahrräder auszuleihen, aber wo soll man damit fahren? Im Sand? Auf der Schotterpiste, wo man im Minutentakt von vorbeirauschenden Vans eingenebelt wird? Kurz gesagt, wir saßen fest und es war totlangweilig. Am Nachmittag des zweiten Tages kam dann noch Regen auf…

In der Nacht zum dritten Tag klarte es völlig auf und wir hatten herrliches Wetter. Kriszta kam auf die geniale Idee, unsere Gastgeberin Olga zu fragen, ob sie uns zu einer 10km entfernten Ecke fährt und wir laufen zurück. War kein Problem und die nächsten 3 Stunden waren wir unterwegs und schossen bei herrlichstem Wetter jede Menge Fotos. Also doch eine gute Idee gewesen, hier her zu kommen.

Abends gönnten wir uns noch eine Banya – die russische Version von Sauna. Wird mit Holz befeuert und trotz etlicher Löcher in der Wand wird es richtig mollig warm. Die Erfrischung gibt es dann mit frischem Wasser aus dem Baikalsee. Über dem Feuer wurde etwas Wasser erwärmt, sodass man sich zum Waschen die optimale Mischung aus warmen und kalten Wasser selbst zusammenstellen kann.

Unsere Reise von St. Petersburg war eine Mischung aus Langeweile und Katastrophe. Gutgelaunt stiegen wir in unseren Wagon, bezogen unser Abteilung und es hatte ganz den Anschein, dass wir darin allein waren. In anderen Berichten war von Armeeangehörigen bzw. Alkoholikern die Rede, sodass die Fahrten in Saufgelage ausarteten. Auch Roman (siehe Eintrag St. Petersburg) antwortete auf unsere Frage, welche Leute mit der TransSib fahren: Die, die kein Geld haben. Denn fahren ist für Armeeangehörige und deren Familie sowie für verschiedene Mitarbeiter gratis. Und wer sich keinen Flug leiten kann, aber mit der Bahn gratis fahren darf, nimmt halt diese.

Im Lonely Planet haben wir immer von der provodnitsa gelesen – die Zugbegleiterin. In unserem Fall war es ein kleiner, rundlicher Mann mit lustigen Kulleraugen. Er sah immer in die Abteile, hielt mit den Leuten ein Schwätzchen, kümmerte sich drum, dass alles lief und schaute auch immer bei uns rein und fragte, ob alles Karascho ist. Natürlich war es das. Nachdem wir die erste Nacht in unserem Abteil verbracht hatten, waren wir erleichtert. Offensichtlich hatten wir das Abteil für uns.

Im Laufe des Vormittags des zweiten Tages wurden wir immer langsamer, hielten immer mal an und gegen 10 Uhr blieben wir auf einem Bahnhof stehen. Anfangs noch ruhig, aber nach einer Stunde immer nervöser liefen die Leute unschlüssig umher. Auf Nachfrage erfuhren wir (erklärt mit Händen und Füßen), dass es ein Unglück gegeben hat und 6 Wagons umgekippt sind. Die Strecke wäre gesperrt und wir müssten einen Umweg fahren. Ab 14 Uhr begann die Reise ins Ungewisse. Bis zum nächsten Morgen wussten wir nicht, wo wir waren und wieviel Verspätung wir hatten. Als wir die nächste bekannte Station Kirov anfuhren, waren wir im Bilde: 21 Stunden Verspätung.

Und so fuhren wir weiter, draußen wechselten sich Birken- und Nadelwälder mit weiten Flächen ab, gelegentlich eine Ortschaft mit hübschen und halb verfallenen Holzhäusern. Immer wieder hatte ich bei den verlassenen Wäldern das Gefühl, gleich taucht das Hexenhaus auf dem Hühnerfuß auf und die Hexe Babajaga schaut heraus. Mal regnete es, mal schien die Sonne. So lief es auch die nächsten beiden Tage – essen, lesen, Musik hören, schlafen. Und jeden Abend bereiteten wir alles vor, falls jemand einsteigt. Nur nicht vor der 4. Nacht und *rumms* ging früh halb 5 Uhr die Tür auf und wir hatten Besuch. Ausgerechnet am letzten Tag! Jeder Besuch im Zoo bei Tigern ist angenehmer, wie 15 Stunden Zug mit ungewaschenen Mitfahrern.

Die Verspätung ließ immer weiter nach, wir holten ingesamt 8 Stunden wieder auf…

Wenn man Moskau mit St. Petersburg vergleicht, dann wäre Moskau ein altes Mütterchen und St. Petersburg die große, strahlende Diva. Als wir in St. Petersburg ankamen, waren wir positiv überrascht. Hier fühlt man sich sicher, die Stadt strahlt eine Lebendigkeit aus, um die sie manche europäische Hauptstadt beneiden würde. Es wird renoviert, erweitert und an allen Ecken des Newsky Prospekt (die Hauptstraße in St. Petersburg) treffen sich Menschen. Sehen und gesehen werden.

Wie gesagt, war der Besuch von St. Petersburg sehr angenehm. Wir besuchten die Peter-und-Pauls-Kathedrale, die St. Isaaks Kathedrale, sind am Newsky Prospekt langgeschlendert und haben nicht zuletzt an unserem letzten Vormittag die Ermitage besucht. Gerüchten zufolge soll man dort eine ganze Woche zubringen können. Ich hielt das für übertrieben, aber nach unserem Besuch kann ich das nur bestätigen. Schon allein die Fußböden und Decken sind Kunstwerke, die unabhängig von den ausgestellten Werken beeindrucken. Wir konzentrierten unseren Besuch auf die erste Etage und machten nur einen kurzen Abstecher zu den modernen Werken bzw. zur Kunst des alten Sibiriens.

Als wir eines Abends kamen wir von unserem Stadtrundgang heim und wurden von unserem Zimmermitbewohner angesprochen. Er hielt uns ein Heft von Peterhof hin. Wir mussten leider bedauern, dass unsere Zeit nicht ausreicht diesen wunderschönen Ort zu besuchen. Muss man sich wie Versaille oder Sansoussi vorstellen, mit unheimlich vielen Fontänen und goldenen Statuen. So kamen wir ins Gespräch und so entstand eine interessante Unterhaltung über das Leben in Russland / Deutschland.

Roman, unser Mitbewohner, ist Web-Entwickler aus Wladiwostok und erzählte uns bereitwillig (und auch etwas schüchtern) über sein Leben. Er kann seine Heimatgenossen nicht verstehen, bei denen ein totaler Werteverfall vorliegt. So ist es z.B. cooler seine Fahrerlaubnis zu kaufen, statt dafür zu lernen, auch wenn das Erlernen nur einen Bruchteil kosten würde. Er bestätigte, dass es in Russland sehr korrupt zugeht und man praktisch mit dem nötigen Kleingeld sich alle Bescheinigungen und Qualifikationen kaufen kann. Und wenn man 180km/h durch die Stadt fegt, macht das auch keinen Unterschied. Wer von der Polizei angehalten wird, füttert auch nur deren Taschen. Einen Fakt fand ich noch interessant und dann ärgere ich mich, warum sowas nicht in den Nachrichten erwähnt wird. Um das Glücksspiel einzugrenzen, hat der Präsident verkündet, dass es in ganz Russland nur noch 4 Stellen geben wird, wo Glücksspiel erlaubt ist und eine davon soll in der Nähe von Wladiwostok sein. Im Gegenzug erzählten wir von unseren hohen Abgaben, für die er Verständnis zeigte, weil es ja im Sinne der Gemeinschaft ist.

Wenn man an Moskau denkt, hat man diverse Vorstellungen. Mir fallen da alte russische Märchen ein, Zaren, russische Zeichentrickfilme und wenn man an die heutige Zeit denkt, organisierte Kriminalität, Alkohol und Verfall. Auch hört man, dass der McDonalds in Moskau bewacht wird.

Und nun zur Realität: Moskau ist ein teures Pflaster und kann sich mit anderen europäischen Hauptstädten messen. Das haben wir schon bei der Unterkunft gemerkt. Ein Doppelzimmer in einem Hostel ist nicht unter 60 Euro zu bekommen. Eintrittspreise und Preise für Mahlzeiten sind d.a schon eher in einem angemessenen Rahmen, aber von preiswert würde ich da auch nicht reden. Und vor dem McDonalds steht genauso die Jugend wie bei uns auch. Nachdem ich vor einigen Jahren das Baltikum bereist habe, war das hier vergleichbar.

Aber mal Hand aufs Herz – was würdet ihr besuchen, wenn ihr in Moskau seid? Richtig, den Kreml und dann? Genau so sieht es eigentlich in Moskau aus. Die Sehenswürdigkeiten beschränken sich auf einen relativ kleinen Raum, es sei denn man legt Wert drauf, jede Kirche zu besichtigen. Wobei die, welche wir im Kreml besichtigt haben, wirklich wunderschön sind. Russisch-Orthodox ist doch ein ganz anderer Stil wie katholisch oder evangelisch.

Wir hatten die 1,5 Tage in Moskau wunderbares Wetter, fast schon sommerlich und deswegen hat es mir auch richtig Spaß gemacht, durch Moskau zu laufen. Zumal die weißen Türme der Kirchen mit ihren glänzenden goldenen Kuppeln ein fotografisches Highlight sind. Zusammen mit einem Polfilter wird der Himmel dabei schon scheinbar schwarz.

Was mich ein wenig traurig stimmt, ist die Tatsache, dass in Russland (also mir ist es in Moskau aufgefallen bzw. auf der Fahrt nach St. Petersburg) immer noch der Sieg über den Nationalsozialismus gefeiert wird, als wäre es gestern passiert und man hätte in Russland sonst keine Geschichte.