Nachdem wir nun alle drei Versuche in Sachen künstliche Befruchtung unternommen haben, war es vielleicht an der Zeit etwas unorthodoxe Methoden anzugehen. Von einer Bekannten hatte meine Frau erfahren, dass sie auch wegen Kinderwunsch bei einer Heilpraktikerin war und diese eine Blockade festgestellt hat und innerhalb kürzester Zeit wurde sie schwanger.

Also ging meine Frau erstmal hin. Neben irgendwelchen Allgemeinplätzen bekam sie zu hören, dass die Heilpraktikerin drei Kinderseelen in ihr sieht, wobei eine schon durch einen Abgang der schon lang her ist, verstorben ist. In dem Moment, wo ich das aufschreibe, klingt es noch schräger, als wenn man das erzählt. Kriszta erzählt schon vorab von mir und deshalb bekam ich schon mal ein paar Tropfen, die nach Kräutern schmecken und ein paar Kapseln, welche die Fertilität verbessern sollen. Schadet ja erstmal nichts, also habe ich während unseres Urlaubs fleißig die Tropfen und die Kapseln genommen.

Und nun stand der Moment an, wo ich selbst vorstellig werden sollte. Wie man bereits lesen kann, war und bin ich sehr skeptisch, was Heilpraktiker / Homöopathen anbetrifft. Hauptgrund meines ersten Termins war erstmal wegen meines Rückens bzw. wegen meiner Kopfschmerzen. Kriszta war sehr neugierig und wollte unbedingt mitkommen. Ich setzte mich erstmal hin und die Heilpraktikerin untersuchte meine Wirbel bzw. die gesamte Wirbelsäule. Sie drückte hier und da, fragte, ob ich auf dem Bauch schlafe und gab mir den Tipp, dass sein zu lassen, weil es nicht gut für die Halswirbel ist. Als weitere Ursache wurde Pressen / Knirschen der Zähne gefunden – stimmt ja auch.

Meine Frau fragte zwischendurch, ob sie denn schon was wegen Kinderwunsch sagen kann. Sie knetete und fühlte weiter und fragte mich, ob ich Angst vor irgendwas habe. Ich musste verneinen, zumindest gibt es da bei mir nichts bewusstes. Also begann sie: „Ich spüre eine Angst in dir, die nicht zu dir gehört.“ Sie führte weiter aus, dass sie vermutet, dass sie von meiner Mutter auf mich übertragen wurde. Es folgte eine Charakterisierung meiner Mutter in Bezug auf Kinder, wie ich sie selbst nicht besser hätte machen können. Ich schaute zu Kriszta rüber, die eine Mischung aus Erstaunen und „Ich hab’s dir doch gesagt“ zeigte. Die Heilpraktikerin merkte an, wenn ich diese Angst loswerden würde, könnte ich auf ganz natürlichem Wege Kinder zeugen.

Nachdem sie mit Drücken, Kneten und Fühlen fertig war, setzten wir uns an ihren Schreibtisch. Sie holte ein paar Bücher raus, blätterte hin und her, grübelte, blätterte wieder – ein bisschen wie Gandalf, der über alten Papyrusrollen brütet, um dem Geheimnis des einen Ring auf die Spur zu kommen. Ich bekam ein paar Globuli verschrieben, welche die Angst lösen sollen. Als Zeitraum wurden Wochen, Monate, Jahre angegeben. Ich bin gespannt, was passiert, insbesondere was eine weitere, tiefer gehende Untersuchung verrät.

Unser Kinderwunsch ist eine Geschichte ohne Happy End. Vor ca. 4 Monaten haben wir den letzten Versuch unternommen, also nehme ich mir mal die Zeit die letzten Monate Revue passieren zu lassen. Drei künstliche Befruchtungen, jede Menge Medikamente, Hormone, Untersuchungen – zum Glück hat die Kasse alles anstandslos bezahlt. Bei der letzten Rechnung stellte sie zwar ein paar Beträge in Frage, aber nachdem ich eine detaillierte Auflistung einreichte, wurden auch diese problemlos zurückerstattet. Von diesem Standpunkt betrachtet hatten wir viel Glück.

Zeiten voller Höhen und Tiefen… die hatten wir zwischendrin immer wieder. Angefangen, dass uns Freunde ermuntert haben, wir selbst zuversichtlich waren, ging es auch ganz tief nach unten. Ich habe mit meiner Frau sehr viel Glück – nicht dass sie sowas einfach weg steckt – nein, dafür war das Thema zu ernst. Aber sie hat mir zu keinen Moment die Schuld zugeschoben oder sich beklagt, dass sie das hier alles allein (Spritzen, Punktion) durchmachen muss.

Unerfüllter Kinderwunsch – Kinderwunschklinik – kein Erfolg – und nun? Am Anfang waren wir noch etwas aufgekratzt. Ich hatte das Gefühl, dass es keinen Film und keine Serie gab, wo nicht irgendjemand schwanger wurde und glücklich ein Kind im Arm hielt. Als würde uns jemand ärgern wollen. Auf Arbeit wurden gefühlt auch plötzlich alle schwanger. Und dann immer wieder die Familien auf den Straßen, die Kinderwägen schoben und die ich am liebsten angeschrien hätte „Du Arsch, womit hast du das verdient und ich nicht?“ Diese Phase ging aber ziemlich schnell vorüber, es blieb bei mir ein Blick der etwa sagen möchte „Du weißt garnicht, welches Glück du hast!“

Wir redeten immer wieder darüber, wie eine Lösung aussehen könnte, aber uns wollten keine schlagenden Argumente einfallen, welche die Entscheidungswaage in die eine oder andere Richtung lenken mochten. Es gab die glücklich glucksenden Kinder („auch haben wollen“) und die nervigen Kinder, die wie am Spieß brüllten („vielleicht doch gut, dass es nicht geklappt hat“). Alternativen haben wir auch in Betracht gezogen. Meine Frau mochte den Gedanken nicht, eine Befruchtung mit Fremdsperma vorzunehmen. Obwohl sie nie die Simpsons-Folge gesehen hat, wo Barney Sperma spendet, muss ihr wohl so etwas durch den Kopf gegangen sein. Am Anfang war ich dagegen, aber irgendwann sah ich es mit anderen Augen – schließlich entstand die Idee in meinem Kopf, dass der Charakter eines Kindes viel mit seiner Erziehung zu tun hat.

Tja, und nun? Adoption war bei uns nie Thema, also entwickelt man schon sehr absurde Ideen, aber irgendwann schaltet sich dann doch der gesunde Menschenverstand ein und lässt diese sehr schnell wieder verfallen. Was sich bei uns beiden mittlerweile gefestigt hat, ist der Gedanke, dass wir kinderlos durch die Welt ziehen. Aber das Vertrauen, dass wir diese Idee später nicht bereuen ist nicht da…

Zur Vorgeschichte

Zu jeder Geschichte, auch wenn sie kein Happy End hat, gehört ein Finale. So auch zu unseren Besuchen in der Kinderwunschklinik. Wobei von einem Finale nicht die Rede sein kann, denn es ist eher der dritte Teil. Finale würde ja heißen, dass wir gesagt haben „Ja, hat halt nicht geklappt“ und leben weiter, als wenn nichts passiert wäre. Im Laufe der letzten Zeit habe ich bei mir einiges umgestellt… keinen Alkohol mehr, keine Milchprodukte und jeden Morgen ein Löffel Maca-Pulver, dass angeblich den Testosteronspiegel normalisiert. Mit Orangensaft gemischt war das geschmacklich erträglich, ansonsten schmeckt Maca widerlich. Aber ich wollte nichts unversucht lassen.

Auch beim dritten Versuch setzte Dr. Hamori die Dosis wieder hoch an, stellenweise bis 250 I.E., um möglichst viele Eizellen zu gewinnen. Die Dosierung gab ihm Recht, denn das Ergebnis nach der Punktion waren 16 Eizellen – ein überdurchschnittlich hohes Ergebnis. Sehr zum Leidwesen meiner Frau, die wieder über furchtbare Schmerzen klagte und die Nacht kaum Schlafen konnte, weil sie außer auf dem Rücken zu schlafen sich gar nicht anders hinlegen konnte. Auch meine Spermaprobe sah mit 2 Millionen Spermien, von denen 20% vorwärts beweglich waren, vielversprechend aus. Die Punktion war an einem Freitag, das Ergebnis sollten wir also an am Samstag erfahren.

Wie immer war das Warten unerträglich. Nur dass es uns diesmal passierte, dass meine Frau das Klingeln ihres Handys nicht hörte und ich stand in der Küche und bekam den Anruf auf meinem Handy auch nicht mit. Dazu muss man sagen, dass die Befunde bis jetzt immer erst nach 12 Uhr bekannt gegeben wurden, d.h. es bestand auch keine Möglichkeit zurück zu rufen, weil samstags die Praxis nur bis 12 Uhr Sprechstunde hat. Zum Glück rief die Biologin eine halbe Stunde später wieder an und teilte uns das Ergebnis mit.

Schon an den Gesichtszügen meiner Frau konnte ich erkennen, wie das Ergebnis ausgefallen war. Von den 16 Eizellen waren 11 reif genug, um befruchtet zu werden. Und von diesen 11 Stück hatten es nur 3 Eizellen geschafft, sich weiter zu entwickeln. Die Biologin ließ sich zu einem Statement hinreißen, dass ungefähr lautete „Bei der schlechten Spermaqualität hat sie das schon kommen sehen.“ Wir sollten doch gleich am Montag hinfahren, um die Eizellen einzusetzen.

Mein Wochenende war gelaufen. Ich war sowas von stinksauer und kam mir echt betrogen vor. Für mich hatte es jetzt nur noch den Geschmack von ganz schnöder Abzocke – die Kasse zahlt drei Versuche, das Geld streicht die Klinik ein, auch wenn sie weiß, dass es nicht klappen wird. Wenn es jedes Mal schon absehbar war, dass der Versuch daneben geht, warum hatte man uns nicht darüber informiert und statt dessen Alternativen eröffnet? Hätte, hätte, Fahrradkette… Anders herum wäre natürlich die Frage – selbst wenn sie uns über die schlechten Chancen und Alternativen informiert hätten, wären wir darauf eingegangen und hätten wir nicht erstmal alles unternommen, um ein Kind zu zeugen, dass 100% von uns beiden kommt?

Meine Frau konnte mich am Montag etwas beruhigen, nachdem sie nach dem Einsetzen nochmal mit Dr. Hamori geredet hatte. Die „schlechte Qualität“ war natürlich relativ zu sehen. Für eine ICSI-Behandlung war die Qualität gut genug, aber die schlechte Qualität war eher im Bezug zu einer gesunden Probe zu sehen, die mich mit 30 Millionen Spermien wahrlich schlecht dastehen lässt.

Es folgten wieder 14 Tage des grauenvollen Wartens, aber es zeigte sich wieder das traurige Bild. Das Wasser im Bauch meiner Frau verschwand nach einer Woche und alles normalisierte sich. Laut der Biologin wäre es aber ein Zeichen eines erfolgreichen Einsetzens, wenn das Wasser im Bauch nicht weg geht, im Gegenteil – es wird sogar noch schlimmer. Ich stand dem Schwangerschaftstest mit einer quantenphysikalischen Haltung gegenüber. Lieber keinen Test machen, denn sonst steht das Ergebnis fest. Wenn der Test nicht gemacht wird, beständen die Chancen zumindest 50%, dass es doch geklappt hat.

Doch der Test kam… und fiel negativ aus. Und dann war da auch noch die dritte Eizelle, von der wir nichts weiter gehört hatten. Um alles so richtig zu ruinieren, stellte sich heraus, dass sie sich nicht weiter entwickelt hatte und es blieb eine eingefrorene Eizelle aus dem zweiten Versuch, die sich vielversprechend entwickelt hatte. Doch was jetzt mit dieser Eizelle anfangen? Gleich im nächsten Versuch einsetzen? Wie hoch ist die Gefahr, dass sie aufgetaut wird und sich dann nicht weiter entwickelt? Ich mag nicht daran denken…

Was bisher geschah… 1. Teil

Die vierzehn Tage Warten nach dem Einsetzen der befruchteten Eizellen sind nichts für schwache Nerven. Am Anfang geht es ja noch, da man nochmal weiter Spritzen muss, aber irgendwann wartet man einfach nur. Dazu kam noch, dass sich bei meiner Frau von den vielen Spritzen Wasser im Bauch gesammelt hatte – und das mit allen Folgen. Schlafen war nachts sehr unangenehm, weil sie keine richtige Schlafposition finden konnte, dazu kamen Schmerzen.

Eine Nacht stand sie auf und ging raus. Ich habe einen sehr leichten Schlaf und bekam das mit. Eine Weile später hörte ich ein dumpfes Rumpeln im Bad. Ich sprang sofort und rannte ins Bad vor. Meine Frau lag da mit geschlossenen Augen in der Badewanne. Der nächste Moment kam mir wie eine Ewigkeit vor, als ich sie ansprach, bis sie schließlich die Augen wieder öffnete und mit mir redete. Realistisch waren es vielleicht 2-3 Sekunden, aber es kam mir unglaublich viel länger vor. Ich hob sie aus der Wanne und wir maßen ihren Blutdruck, der sich als ziemlich niedrig herausstellte. Es ging ihr aber sehr schnell wieder besser und wir gingen zurück ins Bett.

Ungeduldig wie meine Frau ist, wollte sie schon vor den 14 Tagen wissen, ob es geklappt hat. In den vergangenen Tagen hatte sich das gesammelte Wasser im Bauch verflüchtigt und meine Frau sah aus wie vorher. Aber sollte sich nicht irgendetwas ändern? Wir wussten es nicht und es blieb ein fader Geschmack von „es hat nicht geklappt“ auf der Zunge. Man hegt zwar noch jede Menge Hoffnung, aber der Schwangerschaftstest sagte „Nein!“ Wieder eine herbe Enttäuschung und ein richtiger Belastungstest für eine Beziehung. Die acht Monate Weltreise wo man 24 Stunden ständig zusammen ist, waren dagegen nichts. Aber es half nichts, es musste einfach weiter gehen.

Kurz nach dem wir in Erlangen angerufen hatten und bekannt gaben, dass es nicht geklappt hatte, kam die Rechnung über die Behandlung. Inklusive Spritzen hatte uns der erste Versuch ca. 7.000 Euro gekostet. Ich stellte alle Rechnungen zusammen und reichte sie bei der Krankenkasse ein. Noch bevor die zweite Behandlung begann, hatte ich das Geld zurück – ein erfolgreiches Ergebnis wäre mir lieber gewesen.

Noch bevor der zweite Versuch startete, klebte ein Zettel überall – über die Weihnachtszeit konnten keine Befruchtungen vorgenommen werden, deswegen wäre der späteste Termin der 19.12. Schon wieder dieser Zeitdruck! Körperfunktionen lassen sich nun mal nicht beschleunigen. Schon lange bevor die Periode begann, hatten wir wieder den ersten Satz Gonal im Haus. Ende November konnte dann der zweite Versuch starten. Dr. Hamori hatte diesmal die Dosis wesentlich erhöht, wir begannen mit 200IE pro Abend, die später auf 225IE gesteigert wurden. In der zweiten Woche gab es auch statt der 3 Spritzen Orgalutran vom ersten Versuch sechs Spritzen – jeden Tag eine, knapp eine Woche lang. Leider konnte ich diesmal meine Frau nicht zu den Untersuchungen begleiten.

Zwei Tage vor der Auslösespritze hörten wir mit dem Gonal und dem Orgalutran auf. Der Termin für die Entnahme wurde auf einen Montag festgestellt und dem entsprechend wurde 36 Stunden vorher die Auslösespritze gegeben. Diesmal ging nichts schief. Wieder gab es 10 Eizellen, es gab aber 1,2 Millionen Spermien, von denen 20% gut beweglich waren. Um es mit Dr. Hamori zu sagen „Damit können wir arbeiten“. Den nächsten Tag sollte wieder der Anruf mit dem ersten Ergebnis kommen. Ich hatte eine stressige Phase auf Arbeit, die meine Anwesenheit erforderte, trotzdem fieberte ich mit… Kurz nach dem Mittag der Anruf: 9 Eizellen konnten befruchtet werden, 5 hatten sich weiter entwickelt. Der Termin zur Einsetzung war den folgenden Samstag.

Im Laufe der Woche wuchs der Bauch meiner Frau wieder enorm und sie klagte über Schmerzen. Da diesmal aber eine Lücke zwischen Punktion und Einsetzung war, konnten wir mit Sicherheit sagen, dass es die Auslösespritze war, die zu diesen unangenehmen Nebenwirkungen führte. Aber ein wirklicher Trost war das für meine Frau nicht.

Eigentlich finde ich die Atmosphäre in dem Wartezimmer sehr entspannt, ein Pärchen sahen wir wieder, dass wir schon am Montag der Entnahme getroffen hatten. Alle grüßen sich – auch wenn es jetzt abwertend klingt – wie Leidensgenossen. Ich meine das aber eher im herzlichen Sinne, geteiltes Leid ist halbes Leid. Trotzdem ist es sehr distanziert, alle Paare reden nur miteinander und wenn ich die anderen beobachte, versuche ich herauszufinden, warum sie hier sind? Lag es an ihr oder an ihm? Ich könnte genau so einen Würfel nehmen, denn vom Ansehen kann man das nicht oder nur selten entscheiden.

Vor der Einsetzung folgte wieder der biologische Bericht: 3 Eizellen hatten sich weiter geteilt. Wir waren am fünften Tag nach der Befruchtung da und man sagt, dass die befruchteten Eizellen sechs Tage haben, um sich in Blastozysten zu verwandeln. Die Biologin suchte die beiden Besten aus und Dr. Treutlein setzte sie diesmal ein. Während ich das Foto schoss, meinte die Biologin aus dem Nachbarzimmer, dass eine Eizelle schon das Blastozystenstadium erreicht hat. Ein gutes Zeichen! Dr. Treutlein vermerkte noch, dass sie eine leichte Überstimulation festgestellt hatte und zeigte uns das Wasser im Bauch auf dem Ultraschall.

zweiversuche

Diesmal musste ich keine Medikamente holen und ich wartete eine Stunde, bis meine Frau aus dem Ruheraum kam. Wir gingen noch lecker Chinesisch essen und fuhren dann heim. Und es begannen wieder die 14 Tage des Wartens. Am Montag nach der Einsetzung kam noch ein Anruf aus Erlangen. Die dritte Eizelle hatte sich auch hervorragend entwickelt und konnte für einen weiteren Versuch eingefroren werden.

Fortsetzung

Ich hab jetzt die 40 erreicht und das könnte doch eigentlich mal ein geeigneter Zeitpunkt sein, um über Männerprobleme zu reden. Aber nicht solche, dass das Auto 10 PS zu wenig hat oder dass man keinen Waschbrettbauch mehr hinbekommt. Dafür gibt es monatliche Magazine, die in Hochglanz darüber berichten. Stell dir vor du gehst zum Urologen und der sagt (sinngemäß) zu dir: „Ihre Chance Kinder zu bekommen, ist ungefähr so wie beim Lotto zu gewinnen“. Da hilft dir kein Magazin. Wenn man dann als Internet affiner Mann dann das Netz befragt, stolpert man als erstes über „Mein Mann und ich…“. Gefühlt haben es wohl einer von 10 Millionen und das wo die Realität doch eine ganz andere Sprache spricht. Dabei ist doch männliche Unfruchtbarkeit ziemlich weit Erektionsproblemen entfernt – also nicht unbedingt ein Thema, was man in den Mantel des Schweigens hüllen müsste.

Es zieht sich jetzt schon eine Weile hin, schließlich müssen mehrfache Tests her, bis feststeht: Diagnose Kryptozoospermie. Mit einer gewissen Ironie muss ich ja zugeben, dass es witzig klingt, wenn man als Informatiker Krypto-Probleme hat. Aber im Klartext bedeutet die Diagnose, dass es viel zu wenig Spermien sind und die schlecht oder garnicht beweglich sind. Und richtig kryptisch wird es, wenn der Urologe dich fragend ansieht, weil er keine organische oder hormonelle Ursachen dafür findet. Da hilft nur ein Anruf bei den Eltern. Mit ein bisschen Glück fällt denen noch ein, dass du einen Hodenhochstand hattest, der zwar mit Hormonspritzen aus Schweden behandelt wurde, nur leider viel zu spät (in meinem Fall: ich konnte schon laufen und sprechen). In dem Moment war ich erstmal beruhigt, weil der unbekannte Faktor aus dem Weg geräumt war, aber das Problem war ja damit nicht gelöst. Leider fiel das meinen Eltern auch erst ein, nachdem mein Blut an das humangenetische Institut gegangen ist, um genetische Defekte auszuschließen – auch hier die beruhigende Antwort: keine Gendefekte, die weitervererbt werden.

Es folgte der erste Besuch in der nächstgelegenen Kinderwunschklinik in Erlangen. Wir hatten uns mit Dr. Hamori einen Arzt ausgesucht, der laut Forenbeiträgen einen guten Ruf hat. Dazu kam noch, dass meine Frau und der Doktor eine Gemeinsamkeit teilen: Sie kommen aus Ungarn. Der erste Besuch war eher ernüchternd als aufbauend. Denn eine ganze neue Dimension an Problemen tauchte auf: Ich bin privat versichert, meine Frau gesetzlich. Nicht nur, dass die Krankenkassen sich gegenseitig den Schwarzen Peter zuschieben wollen, es gibt schon grundsätzliche Probleme mit der Gerichtbarkeit. Die gesetzlichen Krankenkassen handeln nach Sozialgesetzbuch und treten somit vor dem Sozialgericht auf, während die privaten Versicherer in den Gerichtssälen der Zivilgerichte auftreten. Zum Glück wurden schon unzählige Schlachten ausgefochten und die Quintessenz lautet: Es zahlt die Versicherung von dem, der wo „Schuld“ hat. In dem Fall als meine Kasse. Dr. Hamori setzte schon mal pro forma ein Schreiben auf und ich meldete mich bei meiner Krankenkasse. Es ging aber vergleichsweise reibungsfrei über die Bühne. Nach zwei nachfragenden Anrufen hatte ich nach 3 Wochen das Schreiben meiner KV in der Hand, dass sie die Kosten übernimmt. In gewisser Weise war ich da schon mal erleichtert, denn wir hörten, dass es auch Krankenkassen gibt, die sich da quer stellen und man erstmal eine Weile streiten darf, bevor die Behandlung beginnt.

Jetzt konnten wir den nächsten Schritt wagen – die Behandlung. Ziemlich lang trugen wir die ganzen Verträge mit uns herum – wir waren verunsichert. Sollten wir der Natur ins Handwerk pfuschen? Ich bin bei sowas immer skeptisch, weil ich glaube, dass Mutter Natur sich schon was dabei denkt – quasi den evolutionären Riegel gegen Überbevölkerung vorschiebt. Dazu kam noch, dass die Praxis im Sommer einen Monat wegen Renovierung geschlossen hatte. Aber als wir begannen, ging alles sehr schnell. Das Schlimme daran ist, dass trotz meiner Unzulänglichkeit meine Frau alles ausbaden muss. Ich half ihr, so gut das in dem Fall möglich ist. Wir bekamen das erste Rezept mit dem Gonal F 900-Pen. Meine Frau hat furchtbare Angst vor Spritzen, aber das ging spielend einfach – Mit Alkoholtupfer reinigen, Dosis am Pen einstellen, Nadel aufsetzen (die ist ganz dünn!) und dann wie bei einem Kugelschreiber hinten drauf drücken, bis das Klicken aufhört. Die ersten zwei/drei Male übernahm ich das noch, danach hatte meine Frau ihre Angst ein bisschen überwunden und machte es von da an selbst. Ich assistierte ihr nur noch dabei, indem ich alles bereit legte, das Buch führte, Pen einstellte und die Reinigungspads zurecht schnitt. Nach vier Tagen wurde nach der Untersuchung die Dosis erhöht und wir kauften den nächsten Pen. Dazu folgte parallel zum Pen nach zehn Tagen eine zweite Injektion mit Orgalutran, die wir die nächsten vier Tage durchführten. Die nächste Untersuchung hörte sich gut an – laut Ultraschall wären wohl genügend große Eizellen zu erkennen. Jetzt musste nur noch der Termin günstig gelegt werden, denn laut Dr. Hamori sollten wir die befruchteten Eizellen länger in der Schale lassen, um den Wachstumsstatus zu beobachten.

Letzten Donnerstag war es dann soweit: Punktion. Am Dienstag Abend setzten wir vorher mit Ovitrelle die Auslösespritze. Wir fuhren früh nach Erlangen und setzten uns ins Wartezimmer, wo schon andere Pärchen (bzw. teilweise saßen nur noch die Männer da) trafen. Meine Frau wurde aufgerufen und ca. eine Dreiviertelstunde später ich dran. Mir wurde von der Biologin erzählt, dass meiner Frau 10 Eizellen entnommen wurden – die maximal mögliche Anzahl, die das Blatt hergab. Ich war froh. Meine Spermaprobe sah im Vergleich zu den vorherigen auch gut aus, es konnte losgehen. Ungefähr zwei Stunden nach der Entnahme wurde wir zu Dr. Hamori gerufen. Dort traf uns der Hammer – 10 Eizellen, aber die Spermaprobe enthielt nichts. Wir waren beide wie vor den Kopf gestoßen. Nichts?! Das fühlt sich so ungefähr an, als hätte das Leben mit einem Schluss gemacht.

In mir brach sämtliche Hoffnung zusammen, meine Frau kämpfte mit den Tränen; ich hörte Dr. Hamori nur noch was von „Einfrieren“ und „Später“ reden. Offensichtlich hatte er auch nicht damit gerechnet und man merkte, dass er unsere Verzweiflung ansah. Also schlug er folgendes vor: 2-3 Stunden warten und dann nochmal eine neue Probe abgeben. Wir irrten draußen herum, um einen passenden Platz zum Essen / Ausruhen zu finden. Außerdem konnte meine Frau auch nicht so weit laufen. Kurz nach 12 kamen wir wieder – zweiter Versuch. Wir saßen verzweifelt im Wartezimmer, als Dr. Hamori mit hoffnungsvoll hochgezogenen Augenbrauen mit den Worten „Wir haben was!“ aus dem Labor kam. Er erklärte uns, dass es passieren kann, dass bei eingeschränkter Fruchtbarkeit ein zweiter Versuch doch sehr hilfreich sein kann. Jetzt hieß es ein neues Formular ausfüllen, 5 Tage später war der Transfer geplant. Aber bis dahin kam die nächste Mutprobe: „Wie rufen sie morgen zwischen 11 und 13 Uhr an“. Der Medikationsplan ging auch weiter, aber diesmal Zäpfchen.

Zu diesem Zeitpunkt sollte uns mitgeteilt werden, wie viele Eizellen befruchtet waren und wann der Transfer statt findet. Wir warteten und wurden von Minute zu Minute unsicherer. Es war Feiertag. Rufen sie uns an? Heben sie sich die schweren Fälle bis zum Schluss auf? Es wurde 12, halb eins… wir waren inzwischen mit Mittag essen fertig, meine Frau legte sich wieder auf die Couch, als das Telefon klingelte. „Ihr Termin ist morgen“ – „Warum?“ – „Wir haben nur drei Kandidaten“. Das Telefonat mit der Biologin hinterließ mehr Fragen als Antworten. Was war schon wieder schief gegangen? Was war mit den restlichen Kandidaten? Unser Optimismus war nach dem Desaster am Vortag nicht wieder da.

Als wir Samstag in die Praxis fuhren, hatte Dr. Behrens Dienst. Vorher erklärte uns die Biologin, was mit den Eizellen geschehen war: 10 Eizellen wurden entnommen, aber leider waren fünf zu klein. Zwei weitere hatten nach der Befruchtung keinen Polkörper gebildet. Aber die restlichen drei teilten sich, es gab 6fach-, 2fach- und 5fach-Teilung. Uns wurde durch Dr. Behrens noch erklärt, warum die Einsetzung heute schon erfolgt – Eizellen gehören nun mal in die Gebärmutter und ihre Chance zu überleben ist im menschlichen Körper doch irgendwie besser, als in der Schale. Es gibt dafür keine belegbaren Zahlen, aber man setzt lieber potenzielle Kandidaten ein, als nach fünf Tagen zu sagen: Ist nichts geworden. Die 6fach und die 2fach-Zelle sollten eingesetzt werden, der Fünfer „sah irgendwie merkwürdig aus“. Auf einem Monitor wurden uns die beiden Zellen gezeigt, es stellte sich heraus, dass aus der 2fach-Teilung über Nacht eine 4fach-Teilung geworden war. Gutes Zeichen! Sie wurden eingesaugt und mittels Katheder eingesetzt. Es folgte noch die Überprüfung, ob sie wirklich drin waren. Da die erste Stunde am wichtigsten ist, dass sich die Zelle festsetzen kann, legte sich meine Frau in den Ruheraum und ich ging inzwischen die nächsten Spritzen holen, die wir im Drei-Tages-Rhythmus jetzt spritzen müssen. Diesmal wird es kniffliger – Lösung herstellen, mit dem Wirkstoff mischen und anschließend injizieren.

zwei_zellen

Das sind die beiden Kandidaten die jetzt in den nächsten 14 Tagen unter Beweis stellen müssen, dass sie stark genug sind, um Mensch zu werden. Warum ich das Ganze aufgeschrieben habe? Weil ich Hoffnung machen möchte und weil ich mal aus der Sicht eines Mannes erzählen will, was da so passiert. Außerdem ist es doch ehrlich gesagt peinlich, wenn sich die Frau / Freundin mit „Mein Mann und ich…“ über Probleme erkundigt, die eigentlich nicht ihre sind, sondern die des Mannes. Für mich war / ist es auch hochinteressant, schließlich kann man hier auch noch jede Menge dazu lernen. Also denke ich, dass das Wichtigste an der Entscheidung das Projekt durchzuziehen sind zwei Faktoren: 1. Akzeptieren, dass es mein Problem ist (auch wenn meine Frau was anderes sagt – es ist nun mal so), was zu 2. führt: Es nicht zu ihrem Problem werden lassen. Heißt im Klartext: helfen wo es nur geht und bei sämtlichen Dingen sich einbringen – von den Gesprächen / Untersuchungen (ist ja schon selbstverständlich will ich meinen) bis hin zu den Spritzen bzw. Medikamenten. Und wenn dich abends deine Hormon gebeutelte Frau, die Tennisball große Eierstöcke hat, immer noch anlächelt, hast du alles richtig gemacht.

Fortsetzung