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*Seufz*

Jan 1

Ich muss heute mal eine gescheite Überschrift wegfallen lassen, mir fällt wirklich nichts besseres ein. Ich habe „Naokos Lächeln“ sehr schnell durchgelesen, sodass mir die Charaktere sehr schnell ans Herz gewachsen sind. Nicht dass ich mich identifizieren konnte, aber was auch schon in „Hard-boiled wonderland und Das Ende der Welt“ funktionierte, klappt auch hier wieder. Man verlässt diese Welt für einen Moment und taucht ab in die Phantasien des Herrn Murakami.

Er schafft es, dass Melancholie bezaubernd wirkt und man anfängt mit dem Hauptdarsteller mitzufiebern bzw. dessen Ansichten zu teilen. Und je intensiver man eintaucht, um so mehr kommt das bittere Erwachen. Man schreckt am Ende des Buches hoch und will eigentlich weiterlesen, aber das Buch geht nicht weiter. Zu interessant wäre es, zu wissen, was weiter passiert, aber darauf gibt es keine Antwort. Man könnte mit etwas Entfernung denken, der Autor wäre ziemlich verwirrt gewesen, denn das Buch fängt in der Gegenwart an, springt in die Vergangenheit und endet dort. Meiner Meinung nach ist das der Punkt, warum man danach so irritiert ist. Man ist der Meinung, dass eine Handlung geschlossen sein muss, aber wie man bei dieserm Buch merkt – das muss sie nicht.

Was dieses Buch weltweit zu vielen Menschen kompatibel macht, ist die Tatsache, dass der Gedanke einer verpassten Chance, einer unglücklichen Liebe und dem vergeblichen Versuch eine Beziehung zu retten, universell ist. Ob der Protagonist nun Toru, Luigi, Thomas, John oder Pierre heißt, an dem Gefühl und der Intensität ändert sich nichts.

Ich werfe an dieser Stelle wieder den Spoiler aus, d.h. wer das Buch lesen will, sollte jetzt aufhören weiterzulesen.

Zentrale Person des Buches ist der junge Japaner Toru Watanabe, der Ende der 60er Jahre in Tokyo studiert – einer Zeit sexueller Freizügigkeit und Studenten-Revolten. Letzteres tangiert Watanabe nur am Rande, Inhalt seiner Erzählung ist seine Beziehung zu Naoko – wie sie begonnen hat, welchen Verlauf sie nimmt und wie sie endet. Watanabe beschreibt sich als normal und die Welt um sich herum als merkwürdig. Für Außenstehende ist er ein introvertierter Mensch, der sich für Musik interessiert, gerne liest und seit dem Selbstmord seines besten Freundes nur sehr wenige und sehr lose Freundschaften pflegt. Zu Beginn der Erzählung ist er 18 Jahre alt, hat sein Studium begonnen, was ihn aber nicht interessiert. Er lebt mehr oder weniger in den Tag hinein, weil er noch keine Richtung für sein Leben weiß. Er probiert sich hin und wieder mit One-night-stands, die an ihm aber wie Schatten vorüberziehen.

Zwei Frauen gelingt es trotzdem, durch diese unerschütterliche Mauer von Selbstschutz und Misanthropie durchzudringen. Zum einen Naoko, welche die Freundin seines besten Freundes war. Sie ist seit dessen Selbstmord auch sehr in sich zurückgezogen und das weibliche Spiegelbild zu Watanabe. Beide verbindet die enge Beziehung zu dem Verstorbenen, aber auch ein Wechselspiel aus gegenseitigem Begehren und Verletzlichkeit. Und je näher sich beide kommen, um so weiter entfernt sich Naoko von ihm, ohne genauere Gründe zu nennen.

Etwas später kommt Midori in sein Leben, eine Frau, die neben dem Studium zusammen mit ihrer Schwester täglich ihren Vater pflegt, dessen Buchhandlung weiterführt und keine Zeit für Hirngespinste hat. Sie ist sehr direkt, äußert jede ihrer Phantasien umgehend, lässt keinen Zweifel daran, dass sie an Watanabe interessiert ist und reagiert trotzdem sehr emotional, wenn er sie verletzt. Und das, obwohl sie einen Freund hat.

Watanabe beobachtet seine Beziehung mit Midori für den Leser fast mit Desinteresse, seine Maxime scheint zu lauten: „Lasst mich doch alle in Frieden“. Doch ganz abgeschieden mag er nicht sein und pflegt deshalb in Momenten der Einsamkeit die Kontakte mit Naoko und Midori. Als Naokos seelischer Zustand sich verschlechert, beginnt er sich intensiver um sie kümmern, besucht sie, schreibt ihr regelmäßig Briefe, in denen er seine Sorgen um sie außen vorlässt und von einer gemeinsamen Zukunft schwärmt. Sie kehrt immer weiter in sich, antwortet nur sporadisch bzw. überlässt die Kommunikation mit ihm ihrer Heimgenossin.

Nach dem Tod von Naoko verfällt Watanabe zusehends und lässt Midori, die seinetwegen ihre Beziehung beendet hat, monatelang im Ungewissen, in dem er planlos durch das Land irrt. Die Heimgenossin von Naoko läuft ihm dabei über den Weg und macht ihm klar, dass er mit dieser Taktik die nächsten 20 Jahre seines Lebens Naoko nachtrauern kann oder der Realität ins Auge sieht und erkennt, dass es eine Frau gibt, die er sehr mag und die auch ihn liebt.

Wie auch beim letzten Roman, den ich von Haruki Murakami gelesen habe, spielt auch hier zum Abschluss eine vernünftige Entscheidung die tragende Rolle. Auch wenn ich Kritiken gelesen habe, die „Naokos Lächeln“ als sehr sexuell freizügig beschreiben, sehe ich eher den Zusammenhang in der Zeit, in welcher der Roman spielt bzw. um ehrlich zu sein – was wäre eine innige Liebe ohne sexuelle Phantasien? Ich habe natürlich noch ein entscheidendes Bruckstück in meiner Beschreibung entfernt, denn der Leser erfährt, welche Gedanken Naoko hegte, bevor sie starb.

  1. Rene Rene

    Ich bin mit dem Buch -Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt- fertig. Ich glaube es wird nicht das letzte Buch von ihm sein, welches ich lesen werde. Eine Geschichte in die man hineingezogen wird und es einen fesselt, dass man schnell bis zum Schluß lesen möchte. Ich danke Dir für den Tipp.
    Gruß aus dem regnerischen Dresden

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