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Todessehnsucht im Sommerloch

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Meine persönliche Chronik des gestrigen Abends:

Ich sitze am Laptop und suche nach einem Musikvideo, als ich sehe – hey, heute ist Loveparade, also schalte ich gleich auf den Livestream um. Mit einem Auge sehe ich auf die Kommentare und lese etwas von Massenpanik und 10 Toten. Zu diesem Zeitpunkt kann man schon nicht mehr bei loveparade.de zwischen den Kameras hin- und herschalten. Also suche ich parallel dazu bei den News – es stimmt. Da die Informationen sehr spärlich sind, kann ich die Rufe nach einem sofortigen Stop der Loveparade nicht ganz nachvollziehen. Auch in Berlin gab es Tote durch Messerstechereien oder Unfälle mit S-Bahn-Zügen. Da hat das auch keinen gestört.

Später am Abend bemühe ich n-tv nach neuen Informationen. Die Zahl der Toten war inzwischen auf 15 gestiegen und es wurden abwechselnd Amateurvideos, Augenzeugenberichte und Liveschaltungen vor Ort gesendet. Was genau passiert war, war selbst nach einer halben Stunde nicht nachzuvollziehen, also musste ich wieder meinen Rechner bemühen, Geschriebenes ist vom Informationsgehalt doch besser wie TV.

Was mich aber in der halben Stunde extrem genervt hat:

  • Es wurde nach Schuldigen gefragt und jeder schob dem anderen die Schuld in die Schuhe. Die Polizei, der Veranstalter und der derzeit oft benutzte Prügelknabe Deutsche Bahn wurden beschuldigt. Was interessiert mich, wer Schuld ist? Wichtiger ist doch, wie eine Lösung aussieht!
  • Womit ich schon zum Betroffenheitsgeheuchel der deutschen Politiker komme. Ich finde es nett, aber für die Angehörigen völlig nutzlos, dass sich Frau Merkel aus dem Urlaub meldet und ihre Beileidsbekundungen mitteilt. Damit ist niemandem geholfen. Hätte sie noch hinzugefügt, dass nach der Aufklärung angemessene Reaktionen folgen, wäre das für mich ein ernstzunehmendes Wort gewesen, aber so ist das – auch nach der Abkühlung der sommerlichen Hitze – nur heiße Luft.
  • Statt die große Kunst der Improvisation zu zeigen, zeigte sich das Fernsehen gestern mal wieder von seiner ganz schwachen Seite. Während die Internetmedien in 10 Zeilen oder mehr schon kurz berichteten, was vorgefallen war, schalteten die Nachrichtensender, speziell n-tv auf Dauersendung. Es gab eigentlich nichts zu berichten, aber trotzdem versuchte man den leeren Raum mit Inhalt zu füllen. Es wurden Passanten interviewt, die vor Ort waren. Diese wurden mit Detailfragen malträtiert, nur um den Zuschauer mit der Nase drauf zu stoßen, wie die Folgen einer Massenpanik aussehen. Genau so ungefiltert ließ man „Augenzeugenberichte“ ausstrahlen, die nur mit haltlosen Behauptungen um sich schossen. Und immer wieder die Reporter, die im Minutenabstand nach den neusten Todeszahlen befragt wurden, als gelte es einen neuen Highscore zu brechen.

Und oben drüber schwebte die Frage: Wo konnte es nur zu der Massenpanik kommen? Wenn tausende Menschen in einen Tunnel eingepfercht sind und schon die ersten anfangen zusammenzubrechen bzw. über einen Zaun zu klettern, wohl wissend, dass man sich dabei verletzen kann – wie naiv muss man sein, um diese Frage noch zu stellen?

Wahrscheinlich hat sich noch niemand gefragt, wie es weiter geht.

  • Lösung 1 (realitätsfern): Die Stadt Duisburg und der Veranstalter werden gleichmaßen mit den Schadensersatzzahlungen und sämtlichen Folgekosten belastet. Denn die Ursache war nicht der Tunnel oder die Absperrung oder sonst was. Beiden Beteiligten hätte von Anfang an klar sein müssen, dass 1 Million Besucher nicht in eine Stadt von weniger als einer halben Million Einwohner passt, schon garnicht auf ein begrenztes Areal. Aber man bekommt ja den Hals nicht voll genug. Wenn sich dann nicht ein anderer darum kümmert, dürfte sich das Thema Loveparade damit erledigt haben.
  • Lösung 2 (im Bereich des Möglichen): Einer schiebt dem anderen die Schuld in die Schuhe, es wird eine Sonderkommission zur Aufklärung des Falles gegründet, dabei wird stapelweise Papier erzeugt, das keiner liest und da sich keiner zu einem Urteil berufen fühlt, wird es keine Folgen geben. Der Veranstalter wird von einer Loveparade nächstes Jahr absehen und Gras über die Sache wachsen lassen und dann weitermachen.

Nachtrag – die widerliche Realität:

Man picke sich eine Person der Öffentlichkeit heraus, die im Zusammenhang mit der Loveparade präsent war, wie z.B. OB Sauerland. Nun bausche man die ganze Sache so auf, als wäre er der Hauptschuldige und bringe das Wort „Rücktritt“ in den Umlauf. Pro für die Medien: Durch seine Position muss er zwangsläufig mit der Planung der Loveparade zu tun gehabt haben. Pro für ihn: Wie ist den Hinterbliebenen und Verletzten damit geholfen, wenn er zurücktreten würde? Und mit jedem Tag, den er sich weigert zurückzutreten, steigt das öffentliche Interesse an seinem Rücktritt. Die Wikipedia umschreibt den Begriff Sündenbock treffend mit: „Als Sündenbock wird ein Mensch bezeichnet, dem man die Schuld für Fehler, Misserfolge oder sonstiges Konfliktpotential zuschiebt. Tatsächliche Schuld spielt dabei keine Rolle.“

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