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1Q84

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1q84Auf der Weltreise hatte ich ja durch einen glücklichen Umstand die Hardcoverausgabe von „1Q84 – Buch 1 & 2“ von Haruki Murakami gefunden. Das Buch musste auf Grund seines Gewichts irgendwann auf der Strecke bleiben. Deswegen kaufte ich mir vor kurzem die Paperbackausgabe und den Nachfolger „1Q84 – Buch 3“. Es war schön nochmal zu lesen, wie sich die Geschichte entwickelt und kann den Enthusiasmus vom 1. Teil immer noch nachvollziehen, auch wenn ich mich nicht mehr an das Ende des ersten Buches erinnern konnte. Spannend erzählt und mysteriös – das typische Murakami-Universum, dass an „Hardboiled Wonderland und das Ende der Welt“ erinnern ließ. Um es einfacher zu machen, spreche ich jetzt von Band 1 (= Buch 1 & 2) und Band 2 (= Buch 3).

Jetzt wo ich beide Bände gelesen habe, muss ich sagen, dass ich sehr enttäuscht bin. Jeden Abend wenn ich den zweiten Band aus der Hand legte, lächelte mich die Schlagzeile einer Rezension – die „Romeo und Julia unseres Jahrtausends“ titelte – an. Relativ schnell wurde mir klar, im zweiten Band wird der Faden nicht weiter gesponnen, sondern es geht nur noch darum, dass die Helden Tengo und Aomame zusammen kommen. Im ersten Teil wird man die Charaktere und das Universum eingeführt. Man lernt Tengo – den stämmigen Mathelehrer und Hobbyschriftsteller und Aomame – die Fitnesstrainerin und Hobbykillerin kennen. Beide kennen sich aus frühester Kindheit, wo beide einen magischen Moment erlebten, als Aomame für kurze Zeit Tengos Hand ergriff. Die Geschichte spielt 1984 und beide Protagonisten geraten durch merkwürdige Umstände in eine Parallelwelt, die von Aomame als 1Q84 bezeichnet wird. Tengo bekommt von einem Verlagsleiter den Auftrag eine Geschichte von Fukaeri umzuschreiben, damit sie einen Preis gewinnt. Die Arbeit gelingt Tengo hervorragend und das Buch wird ein Bestseller. Hintergrund der jungen Fukaeri ist, dass sie Tochter eines mächtigen Sektenführers ist, der „Leader“ genannt wird.

Aomame wiederrum ist Fitnesstrainerin für eine alte Dame, der es nicht an Geld und Macht mangelt. Diese alte Dame versorgt Aomame von Zeit zu Zeit mit Aufträgen, Männer umzubringen, die Frauen geschlagen, vergewaltigt haben oder maßgeblich an ihrem Tod beteiligt waren. Aomame ist Spezialistin auf ihrem Gebiet und schafft es, diese Männer ohne das Zurückbleiben von Beweisen ins Jenseits zu befördern. Eines Tages bekommt Aomame den Auftrag, der ihr Leben verändern soll. Er ist mit so viel Risiko behaftet, dass sie eine neue Identität und ein neues Gesicht von der alten Dame erhalten soll. Die muss den Führer einer Sekte umbringen, der Sex mit Kindern hatte. Als alles vorbereitet ist und Aomame beim mysteriösen Leader unter dem Vorwand einer muskelentspannenden Massage einen Termin hat, stellt sich heraus, dass er von Aomames Auftrag weiß und seinen Tod herbeisehnt, weil er unter unerträglichen Schmerzen leidet.

Der Leader erklärt Aomame aber noch, dass es nicht um Sex ging, als dass die Kinder als Perceiver – Wahrnehmende – dienten, die ihm, dem Receiver – dem Empfangenden – in einer rituellen Vereinigung die Wünsche der Little People überbrachten. Um diese Little People geht es auch in dem Buch, das Fukaeri aufgeschrieben und Tengo überarbeitet hat. In jener Nacht, als Aomame den Leader umbringt, hat Tengo eine merkwürdige Vereinigung mit Fukaeri, woraufhin – Obacht, jetzt kommt’s – Aomame schwanger wird. In Folge des Todes ihres Anführers setzt die Sekte einen schmierigen Typen namens Ushikawa auf Aomama an. Doch die alte Dame hat gut genug vorgesorgt, dass Aomame von der Bildfläche verschwindet, wie es der Zufall aber so will – nahe dem Ort, wo Tengo wohnt.

Damit endet der erste Band und damit wird es für den zweiten Band schwer. Die Fortsetzung rückt die Rolle von Ushikawa noch mehr ins Rampenlicht, der den Hintergrund von Tengo und Aomame beleuchtet und feststellt, dass beide früher zusammen zur Schule gegangen sind. Also mietet er sich im Haus, wo Tengo wohnt, ein und beobachtet die Leute, die ein- und ausgehen. Dazu gehört auch Fukaeri, die im Laufe des zweiten Teils komplett verschwindet. Tengos Aufgabe im zweiten Teil ist es, sich um seinen alten Vater zu kümmern, der in einem Ort untergebracht wird, dem ein Anstrich von „Hardboiled Wonderland…“ verpasst wird – wenn man den richtigen Zeitpunkt zum Gehen verpasst, bleibt man auf ewig gefangen dort. Das dies aber mit Hilfe einer Analogie eines Romanes gemacht wird, ist und bleibt es der Ort des Altersheims seines Vaters, der später auch dort verstirbt.

Aomame, die fest überzeugt ist, von Tengo schwanger zu sein, will ihre neue Identität nicht eher annehmen, bis sie Tengo gefunden hat. Und wie es die Geschichte so will, finden sich beide nach 570 Seiten und lassen die Welt der Little People, der zwei Monde durch den gleichen Weg, den Aomame seinerzeit genommen hat, um die Welt 1Q84 zu betreten.

Meine Kritik richtet sich an den kompletten Ablauf im zweiten Band. Mir scheint, als wären Murakami beim Schreiben die Ideen ausgegangen…

  • Was wurde aus Fukaeri, die im ersten Band eine tragende Rolle gespielt hat?
  • Tengo wird immer wieder von einer Vision befallen, bei der er seine Mutter sieht, wie ein fremder Mann an ihrer Brust saugt. Diese bleibt komplett auf der Strecke und wird durch die Vermutung, dass Tengos Vater nicht sein leiblicher Vater ist, ersetzt.
  • Wozu die komplizierte Parallelwelt? Während „Hardboiled Wonderland“ ohne die zweite Welt garnicht funktionieren würde, ist 1Q84 völlig belanglos für den Ablauf der Geschichte.
  • Da Murakami mit „Naokos Lächeln“ auch eine wirklich tragische Geschichte einer verlorenen gegangenen Liebe geschrieben hat, hätte der zweite Teil auch prima mit einem tragischen Ende funktionieren können – Aomame opfert ihr Leben, damit Tengo weiterleben kann. So wird es auch im ersten Band angedeutet.
  • Aomame und Tengo kennen sich von zwei Schuljahren, die sie gemeinsam verbracht haben und dabei nie ein Wort miteinander gewechselt haben. Was blieb, war der Händedruck – 20 Jahre später finden sich die beiden und lieben sich bedingungslos? Das ist für mich doch eher das Niveau von Groschenromanen.

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