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C wie Clicks & Cuts / Glitch

Jan 0
geschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Dieser Beitrag fängt damit an, wie ich Begriffe in einen Topf warf und dann überrascht war, dass Clicks & Cuts und Glitch nicht das Gleiche sind, aber irgendwie doch verwandt.

Unknown Territory ist eine Serie, wo ich musikalisch über den Tellerrand hinausschaue. Ich entdecke Musik, die mir zwar geläufig ist, wo ich aber bisher nie die Zeit fand, mich intensiver damit zu beschäftigen. Ich werde dabei in die Vergangenheit eintauchen und wenn möglich auch einen Bezug zur Gegenwart herstellen.

Um die Geschichte richtig zu verstehen, fange ich am besten damit dem Wirrwarr in meinem Kopf an und wie ich den Gordischen Knoten geteilt habe. Es beginnt Mitte der 1990er mit Oval an. Die stellten einen Haufen witzige Sachen mit CDs an. Um es zusammenzufassen, forcierten sie, dass die CD springt und nutzten die entstandenen Geräusche in ihrer Musik.

In meinem Kopf wurde dieses Vorgehen, d.h. jemand nutzt Sound-Schnipsel von irgendwelchen Geräuschen, als Clicks & Cuts abgespeichert. Das ist richtig, aber auch nicht. Dazu steigen wir mal in die Begriffserklärung ab. Als Glitch wird Musik bezeichnet, die Fehlfunktionen oder Geräusche von Geräten musikalisch nutzt. Also die zeitlich frühesten Glitch-Tracks in meinem Leben dürften von C64-Nutzern gewesen sein, die mit ihren Diskettenlaufwerken Musik machten. Aber Glitch bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Musik komplett aus diesen Geräuschen bestehen muss. Als Samples können sie entweder maßgeblich mitbestimmen oder auch nur begleitend fungieren.

Clicks & Cuts wiederum war eine Compilation von Mille Plateaux, die eher eine Herangehensweise an die Musikproduktion wiedergibt. Laut Labelgründer Achim Szepanski sind Clicks & Cuts der Übergang von der Nutzung physischer Sampler zur Software, wo man mit Hilfe von Clicks und Cuts die Samples zu winzig kleinen Fetzen zusammenschnipseln kann.

Die heutige Episode von Unknown Territory hat irgendwie doch ganz anders geendet, als ich das ursprünglich geplant habe.

Oval – Systemisch

Oval hatte ich schon lange auf dem Schirm. Im Grund genommen sind sie der Trigger dafür, dass dieser Beitrag zustande gekommen ist. Da discogs das erste Album Wohnton als „Early Glitch“ listet, dachte ich mir, dass das ein guter Einstieg ist. Es stellte sich aber als Glitch orientiertes Pop-Album heraus. Deswegen hörte ich mal in das zweite Album Systemisch rein.

Genau das war der Sound, den ich hier haben wollte. Ich weiß noch, wie eine Sendung gesehen habe, wo Markus Popp an einem Gerät saß und dort Schnipsel zusammenbastelte. Das war schon zu einer Zeit, wo Oval zum Soloprojekt von Markus Popp wurde. Angefangen hatten Oval als Quartett. Schon bei der Wohnton war Oval nur noch ein Trio und nach den beiden Alben Systemisch und 94diskont. verließen auch Sebastian Oschatz und Frank Metzger die Band.

Was mir an der Systemisch gefällt ist, dass hier die Soundschnipsel den Rhythmus der Musik übernehmen und die Flächen sich daran orientieren. Es ist quasi wie knuspriger Ambient. Aber vielleicht gefällt mir die Platte auch deshalb so, weil sie mich doch in weiten Zügen an Jan Jelineks Loop Finding Jazz Records erinnert. Wobei dieses Album sieben Jahre später erschien.

Clicks_+_Cuts

Um einen Übergang von Oval zu Clicks & Cuts zu finden, muss man nur auf das Label schauen. Die Systemisch erschien 1994 auf Mille Plateaux, einem führenden Label in dem Bereich. Wie ich vorhin schon erwähnt habe, waren Clicks & Cuts weniger ein Stil, als mehr die Möglichkeit jetzt mit vertretbarem Aufwand aus winzig kleinen Soundschnipseln Musik zusammenzustellen.

Wo ich mir aber immer noch den Kopf zerbreche ist das Erscheinungsdatum. Die Compilation Clicks & Cuts erschien in ihrer ersten Ausgabe 2000. Das war in meinen Augen auch für einen minimalistischen Ansatz schon ziemlich spät. Wenn ich an Wolfgang Voigt denke, der schon seine ersten Minimalwerke so ab Mitte der 1990er rausbrachte.

Im Rahmen der Clicks & Cuts Compilation sollte ich unbedingt mal auf den darauf enthaltenen Sound von Pole zu sprechen kommen. Springende CDs, Störgeräusche und sowas sind ja mehr oder weniger erzwungene Sounds. Doch bei Pole kommt ein Fehler zum Tragen, der so fragil ist, wie ein Ei auf einer Nagelspitze. Der für ihn so typische Sound kommt von einem Waldorf 4-Pole Filter, der irgendwie einen Defekt hat, der diesen typischen Sound von Pole erzeugt. Sollte das Gerät mal den Geist aufgeben, ist der Signatur-Sound Geschichte.

Die Clicks & Cuts war für mich ziemlich leichte Kost, weil sie doch sehr nah am Minimal Techno ist. Auch wird die Idee, was Clicks & Cuts sind, sehr gut vermittelt und damit ist kein spezielles Wissen von Nöten.

Weiss – Rephlex

Soweit hatte ich für diesen Beitrag vorgearbeitet. Dann unterhielt ich mich mit Thorsten über meine Idee und er begann mir ein riesiges Paket von vielen Alben zusammenzustellen, die alle aus dem Bereich Glitch bzw. Clicks & Cuts kommen.

Und mit dabei war auch der Nürnberger Künstler Weiss. Vielleicht hatte er schon dadurch gewonnen, dass er eins seiner Alben Rephlex heißt, benannt wie das britische Label, wo Aphex Twin Mitbegründer ist. Und eigentlich ist die Idee gar nicht so sehr von der Hand zu weisen. Ein bisschen erinnert das Album an IDM, der aus Glitches zusammengestückelt wurde.

Was mich wirklich fasziniert ist, dass der Sound doch ziemlich gut ist. Aber das Projekt bzw. das Label Elektroton ist so unbekannt, dass es selbst jetzt noch CDs über Bandcamp zu kaufen gibt, die vor 15 Jahren in einer Auflage von 150 Stück erstellt wurde. Und schon allein deswegen muss diese Musik hier Erwähnung finden. Weil ich eine Schwäche für Musik habe, die liebevoll in Einzelarbeit und gefühlt ohne Gedanken an die Kosten kuratiert wird.

SND – Travelog

Letzter, und ich will mal für mich sagen, bester Punkt dieses Beitrag sind SND. Mit einem Stück bereits auf der Clicks & Cuts vertreten, gibt es unheimlich viele Alben / Compilations mit ihrem Sound. Ihre Musik würde ich als Minimal Techno angereichert mit knusprigen Soundschnipseln verstehen.

SND haben auch einen leichten Hang zum Dub, den man deutlicher beim Album Tplay spürt. Und eigentlich fühlt es sich wie ein Widerspruch an. Dub ist doch voller, satter Sound mit vielen Echos? Und trotzdem bekommen sie es irgendwie hin, dass es minimalistisch wirkt, das Knuspern genug Raum hat und trotzdem die Echos leise verhallen.

Fazit

Was war: Glitch bzw. Clicks & Cuts waren für mich eindeutig etwas Experimentelles. Oder vielleicht auch zu konzeptuell. Und Glitch war nicht greifbar. Glitch tauchte immer am Rand auf, als begleitender Faktor zu einem Musikstück.

Was ist: Natürlich liegt da auch viel Wahres drin. Nicht alles, was ich für diesen Beitrag gehört habe, hat mir gefallen. Da war ein Alva Noto, der neben dem Geknister und ein paar Bassläufen nichts mehr übrig ließ. Das wurde auf die Zeit ziemlich anstrengend. Auch Matmos mit ihrem bahnbrechenden Album A Chance To Cut Is A Chance To Cure, wo sie Soundschnipsel einer Schönheitsklinik verarbeitet haben. Da war zu viel Kopfkino bei mir und ich habe das mentale Gemetzel nicht lange ertragen.

Interessant war, wie sehr diese Idee auch in andere Stile einfließen kann. Das Prinzip der kleinen Samples geht ja direkt auf Schmusekurs mit minimalem Techno, aber lässt sich auch sehr künstlerisch einsetzen. Und schon allein dadurch entsteht ein weites Feld, wo sich jeder seine passende Nische suchen kann.

Was wird: Aber ich habe Neues entdeckt, was dazu geführt hat, meine Sammlung zu erweitern. Der Sound von SND wird zwar nicht mehr gepflegt, aber ich mag diese Idee sehr. Im Gegensatz zu den Re-Releases alter Trance-Scheiben aus den 1990ern ist so ein Sound auch noch in Zukunft eine willkommene Abwechslung.

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